Flensburg (ftb) – Am frühen Morgen des 19. Januar 1943 brach die „Vesta“, ein schwedisches Fischerboot, mit vierköpfiger Besatzung von Falkenberg, an der Westküste Schwedens gelegen, zum Mittelgrund am Kattegat auf.

An Bord befanden sich der Schiffer Eric Mårtensson, sein Bruder Bror Mårtensson, deren Schwager John Jönsson und dessen Bruder Oskar Jönsson, die alle aus Falkenberg stammten.
Um mit einem reichhaltigen Fang wieder nach Hause zurückzukehren, warfen die Fischer mehrere Male ihre Netze aus. Gegen 10 Uhr morgens am darauffolgenden Tag wollten sie das letzte Fangnetz heraufziehen. Doch das Netz lies sich nicht hochziehen. Es hakte fest. Mit vereinten Kräften versuchten alle Mann das Netz heraufzuholen. Plötzlich gab es in 50 Meter Tiefe unter Wasser eine Explosion. Eine gewaltige Druckwelle lies den Kutter einen Satz machen. Alles, was auf dem Schiff lose herumlag flog in hohem Bogen durch die Luft. Die Brücke fiel zusammen, der Propeller und die Antriebswelle wurden abgerissen. Die Fischer blieben dabei glücklicherweise unverletzt.


Nach Erkundung des Bootes stellten sie fest, dass es leck und manövrierunfähig war. Heckwärts lief es voll Wasser. Sie versuchten das Wasser herauszupumpen, doch es misslang. Das Boot begann zu sinken. In dieser Not bewahrten die Männer einen kühlen Kopf. Sie banden zwei große Fässer zusammen und befestigten darauf eine Lukenklappe. Der Baum wurde abgebaut und auf die Lukenklappe als Mast befestigt. Der Versuch, sich ein Floß zu bauen, das sie über Wasser halten konnte, gelang.
Gegen 12 Uhr mittags stand das Wasser bis zur Rehling. Die Männer zogen ihre Rettungswesten an und setzten sich auf das Floß. Der Sog des sinkenden Schiffes war so stark, dass sie Mühe hatten, sich vom Kutter zu entfernen. Als sie etwa 50 Meter entfernt waren, mussten sie zusehen, wie ihr Boot sank und damit ihre Lebensgrundlage. Die „Vesta“ aus Falkenberg wurde durch eine Magnetmine im Kattegat, dem Meeresgebiet zwischen Dänemark und Schweden, versenkt.
Die vier Fischer saßen Rücken an Rücken mit den Beinen im eiskalten Wasser und hofften, gefunden zu werden. Sie durften sich nicht bewegen, denn das kleine Floß war sehr wacklig und drohte bei stärkerer Bewegung zu kentern. Viele Gedanken kamen und gingen und die Hoffnung, ihre Familien wieder zu sehen sank von Stunde zu Stunde.
Proviant hatten sie nicht mitgenommen. Doch an Petroleum hatten sie gedacht, um mit einem Feuerzeichen auf sich aufmerksam machen zu können.
Gegen 15 Uhr passierte in der Ferne ein Dampfschiff. Sie hissten eine Fahne und versuchten so, Aufmerksamkeit zu erregen, aber sie wurden nicht entdeckt.
Gegen 20 Uhr hörten die Männer wieder ein Schiff. In der Dunkelheit entzündeten die Schiffbrüchigen ein Feuer, damit sie gesehen werden konnten. Aber es rührte sich nichts. Auf der „Annelis Christophersen“ war der Kapitän Jens Jacob Hansen vorsichtig. Er sah in der Dunkelheit immer wieder durch den Mondschein angeleuchtet etwas aufblitzen. Das Blitzen und Blinken kam von den Dingen, die sich auf dem Deck der Vesta befunden hatten und um das Floß auf der Wasseroberfläche herumschwammen. Der Kapitän des Frachters beobachtete zunächst das Geschehen auf dem offenen Meer. In diesen kriegerischen Zeiten konnte es ein feindliches U-Boot sein, oder auch ein feindlicher Flieger. Nach einiger Zeit meinte Kapitän Hansen, dass es sich um ein Floß mit Menschen darauf handeln müsse. Mutig und couragiert entschied er, sich dem Unbekannten zu nähern. Dann ging alles sehr schnell. Die Besatzung ließ ein Rettungsboot zu Wasser und holte die vier vor Kälte ganz steif gewordenen schwedischen Fischer aus dem eiskalten Wasser. Sie waren gerettet. An Bord der „Annelis Christophersen“ wurden sie sehr herzlich aufgenommen und versorgt. Sie durften so viel Cognac und heißen Tee trinken, wie sie mochten.

Nach der Rettung wurden die vier Fischer einem deutschen Wachschiff auf hoher See übergeben. Dieses brachte sie nach Hornbæk in Dänemark, was zur Gemeinde Helsingør gehörte. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, wurden sie von einem Besatzungsmitglied der „Annelis Christophersen“ begleitet, das einen Brief von Kapitän Hansen übergab, in dem er das Geschehene schilderte und somit alle Spekulationen über Spionage im Vorwege aus dem Weg räumte. Von Helsingør wurden sie mit Hilfe der schwedischen Botschaft auf dem Seeweg in den Hafen von Helsingborg in Schweden gebracht. Von dort fuhren sie mit dem Zug zu ihrem Heimathafen nach Falkenberg und wurden von ihren Familien überglücklich empfangen. Die Fischer hatten nicht mehr geglaubt, ihre Familien je wieder zu sehen.

Es war erstaunlich, wie gut die Vier alles überstanden hatten. Die schwedische Zeitung „Hallands Nyheter“, die in Falkenberg erscheint, berichtet fünfzig Jahre später über dieses Ereignis. Bror Mårtensson, der letzte damals noch lebende Zeitzeuge, berichtete darin, dass niemand schwere Erfrierungen erlitten und sie sich nicht einmal eine Erkältung zugezogen hatten.

Leif Mårtensson, der Sohn von Eric Mårtensson war damals acht Jahre alt. Er kam im Oktober 2010 nach Flensburg und legte einen Kranz auf das Grab des Kapitäns der „Annelis Christophersen“ Jens Jacob Hansen. In einem beigefügten eingeschweißten Brief brachte er seine Dankbarkeit zum Ausdruck: „Danke dafür, dass du unsere Väter am 20. Januar 1943 gerettet hast. Unsere Gedanken an dich sind für immer in unseren Herzen. Familie Leif Mårtensson.“
Durch Recherche über die Flensburger Reederei Christophersen und bei dem Kirchenbüro Munkbrarup gelang es der deutschen Botschaft in Auftrag von Leif Mårtensson, die Verwandten des Kapitäns Jens Jacob Hansen ausfindig zu machen. Mit großer Freude wurde er von der in Schleswig-Holstein lebenden Tochter, Ebba to Baben und ihrer Familie empfangen. Gemeinsam besuchten sie das Grab und verbrachten den restlichen Tag zusammen. Sie tauschten sich insbesondere über die vergangenen Geschehnisse aus, wie es zu dem Sinken des Fischkutters und zu der geglückten Rettung kam. Neben den überlieferten Erzählungen, lässt sich dieses Ereignis auch durch Zeitungsberichte und Briefe rekonstruieren, die Leif Mårtensson mitbrachte. Sein Vater und Kapitän Hansen blieben per Post in Verbindung.

Kapitän Jens Jacob Hansen wurde 1893 in Holnis geboren. Seine seemännische Laufbahn begann er mit 15 Jahren als Schiffsjunge unter anderem auf dem Fünfmastvollschiff „Preußen“. 1914 legte er das Steuermannesexamen ab und wurde 1931 Kapitän auf großer Fahrt. Seit 1936 führte er als Kapitän die „Annelis Christophersen“. Er war mit Esther Banzon, die aus dem dänischen Odense stammte, verheiratet und hatte drei Töchter.

Die „Annelis Christophersen“ wurde 1927 von der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft als „Marquardt Petersen“ für die gleichnamige Reederei gebaut. Das Schiff war etwa 80m lang, hatte einen Raumgehalt von etwa 1.600 Bruttoregistertonnen und wurde von einer Dreifach-Expansions-Dampfmaschine angetrieben. Von 1935 bis 1938 fuhr sie als „Sexta“ für die Flensburger Dampfschiffahrts Gesellschaft von 1869. Der Reeder H.W. Christophersen übernahm das Schiff 1938 und taufte es auf den Namen seiner Tochter „Annelis Christophersen“.